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Instagram. Von Scham, Angst und Überwindung

Ich bin jetzt bei Instagram. So richtig mit regelmäßig posten und so.

Als ich das meinen Umfeld mitteile, kommen die unterschiedlichsten Reaktionen:
“Du bist ja mutig!”
“Da musst du aber immer online sein. Das ist doch furchtbar anstrengend!”
“Was willst du denn zeigen? Du bist ja gar nicht berühmt?”
“Willst du jetzt Influencerin werden?”
“Das ist nichts für mich. Ich hab auch gehört, davon wird man abhängig”
“Das ist doch nur was für Jugendliche. Ist das nicht peinlich?”

Ich schlucke ganz ordentlich, als ich das höre. Ganz besonders, weil mir diese Sätze nicht unbekannt sind. Sie existieren in mir drin. Als “gut gemeintes” Korrektiv meines inneren Kritikers. Sie sollen mich beschützen, dass ich… ja was?

…nicht abhebe
…mich nicht in den Mittelpunkt spiele
…mich nicht angreifbar mache
…nicht kritisiert werden kann

“Wer bist DU denn schon, wen interessiert das denn schon, was du zu zeigen oder erzählen hast?!”

Photocredit: pixaby

Uff. Das ist ganz schön harter Stoff gleich zu Anfang. Deshalb gönne ich mir und dir jetzt eine kleine Pause und erzähle mal, wie es überhaupt dazu gekommen ist.

Schon als ich angefangen hatte, über meine Reise nach Hawaii zu bloggen, meldeten sich diese Sätze. Damals erschien es mir allerdings, als gäbe es keine logische Alternative, ALLES auf einmal zu erzählen, als zig einzelne E Mails mit identischen Informationen zu füttern. Also übernahm die Abenteurer-Anneke die Leitung und es war gar nicht schlimm. Ganz im Gegenteil. Es machte mir erstaunlicherweise sehr viel Freude. Ich konnte den Blog wie mein persönliches Tagebuch nutzen. Und weil man weiß, das lesen ein paar Menschen, kommt man auf den Punkt. Fasst zusammen auf das wesentliche Erlebte, Entdeckte, Gefühlte.

Also, eine positive Erfahrung im sich Zeigen hatte ich schon mal.

Nur war mein Leserkreis ausschließlich auf mir gut gesinnte Freunde und Familienmitglieder beschränkt. Ich musste mich kaum großer Kritik aussetzen. Und dennoch: das Gefühl, die innersten Gedanken oder Erlebnisse in das World Wide Web zu schicken, ohne im Nachgang etwas zu regulieren oder erklären zu können, war damals auch schon eine Mutprobe.

Nun aber Instagram.

Seit einigen Jahren nutze ich privat Instagram und erfreue mich an lustigen Videos und informativen Inhalten. Ich bin inspiriert und beeindruckt von tollen Profilen toller Menschen. Für mein Unternehmen habe ich es nur ab und zu genutzt. Habe hin und wieder aufgeregt und hastig gepostet, nur um dann in meinem Vorurteil und meinen Sätzen (siehe oben) bestätigt zu werden. “Siehste, das bringt ja eh nix.”

Ich habe vor einigen Monaten beruflich ein neues Kapitel aufgeschlagen. Ich wollte mehr Unabhängigkeit und mehr Eigenregie. Dafür gab ich Sicherheiten auf. Dies bedeutete aber auch, nun musste ICH aktiv werden. Die Hängematte, in der ich mich auch ganz wohl gefühlt hatte, gab es so vorerst nicht mehr.

Wer, wenn nicht ICH (das Gesicht meines kleinen Business) muss für Aufträge, Kunden und Weiterentwicklung sorgen?!

Tja, und nun stand ich wieder vor dieser Mammutaufgabe “Social Media”. Ich sagte mir, ganz klar, du musst eine Entscheidung treffen, Anneke: entweder du lässt Facebook und Instagram versanden oder du gibst dem Ganzen eine REELLE Chance.

Eins meiner Wundertools, die mich in meinem Leben schon so oft den Arsch gerettet haben ist “siehe es als Projekt”.

Genau wie ich mich beim Bloggen meiner Hawaiireise damit überlistet habe, dass ich es für ein übergeordnetes Ziel tue, anstatt für mich. Als wäre ein ein Projekt für jemanden oder etwas.
Dieses Abstrahieren hilft mir sehr, überhaupt anzufangen. Auszuprobieren.

Ich verpflichte mich, dieses “Projekt” so gut es geht zu meistern. Vielleicht setze ich dem Ganzen auch einen Zeitraum. Wie in allen Dingen, die man neu macht, darf ich Fehler machen und Umwege gehen. Wenn das geschafft ist, kommt der zweite Schritt: der kreative und spielerische Teil. Denn eigentlich macht mir das Ausprobieren total Spaß und ich merke meine Lebendigkeit. Da es ja mit ungewissen Ausgang gestartet ist, darf ich es als Spielwiese betrachten. Irgendwie gibt mir das die Erlaubnis, dem Ganzen die Ernsthaftigkeit und den Perfektionismus zu nehmen.

Das Projekt ist also gestartet, die innere Verpflichtung, das Ganze mindestens ein halbes Jahr auszuprobieren auch und nun kommt die verflixte Angst.

Was soll ich schreiben? Um Gottes willen, ich kann auf KEINEN Fall in die Kamera sprechen! Was ist am Unverfänglichsten, womit ecke ich nicht an?

Schweiß macht sich breit. Überall. Meine Ohren sausen, als ich die ersten Stories hochlade.

Ein Glaubenssatz schreit förmlich in mir: “Mach dich nicht so wichtig!”

Auch die Gespräche, die ich mit mir selbst über mein Vorhaben führe, zielen in diese Richtung. Es scheint, als hätte nicht nur ich diesen einen Glaubenssatz in mir.

Aber wieso ist das so? Wir reden in meinem Fall von einer Reichweite von ca. 30 Menschen, von denen der Großteil Freunde und Bekannte sind. Mir also wohl gesonnen.

Und trotzdem. Es ist raus. Gepostet. Ich kann die einzelnen Reaktionen nicht erfassen und gegensteuern. Ich muss damit leben, dass man mich missversteht.

Ich glaube, unterm Strich geht es genau darum: nicht aus der Herde ausgestoßen zu werden (und allein zu sterben). Ein natürlicher Schutzmechanismus also und allzu verständlich – als Neandertaler. Als zivilisierter Mensch eher unwahrscheinlich. Und trotzdem ist das so fest in unserer DNA verankert, dass es schwierig ist, das automatische System von Nervenreizen und Hormonausschüttung zu stoppen.

Als Frau ist es doppelt tricky. Uns wurde Mäßigung gepredigt, natürlich immer zu unserem Schutz. Und auch wenn ich gern in einer anderen Welt leben wollte, habe auch ich das im Hinterkopf, wenn ich poste.

Wer das Licht anmacht, zieht die Fliegen an.

Vielleicht ist es daher auch mehr als verständlich, wenn frau sich das nicht antun möchte. Immer wieder Kontaktversuche abzublocken und sich kommentieren zu lassen.
Ist dies der Grund oder gibt es vielleicht noch einen nicht zu unterschätzenden Punkt?

“Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.”  – Sören Kierkegaard

Inspiration und Begeisterung über ein tolles Foto oder ein Profil kann ganz schnell umschlagen und bitter schmecken. Das Hochglanzpersönchen mit Idealmaßen und dem perfekten Partner plaudert immer gut gelaunt von ihrem leichtgängigen Leben als Mutter/Ehefrau/…(weitere unrealistische Attribute bitte HIER einfügen).
Eine nicht existierende Person schafft es, uns in den Abgrund von Abwertung und Scham zu ziehen. Alle Achtung! Natürlich auch mich. Ich gehöre nicht zu den Menschen mit übersteigertem Selbstwert und leider auch (noch) nicht zu denen, die ihren Selbstwert kennen und sich von außen nicht beirren lassen. Wir erinnern uns: ich darf mich nicht so aufspielen.

Die sozialen Medien sind gemein. Sie suggerieren eine reale Welt, aber eigentlich sollte immer ein kleiner Hinweis dabeisein “Achtung! Alle gezeigten Handlungen sind Ausschnitte und spielen nicht die Realität wieder”. Leider glaubt unser Gehirn dem Film, den er sieht. Es ist ein bißchen so wie beim Süßigkeitenregal an der Kasse. Psychologen haben dieses Konzept ausgearbeitet, weil sie wissen, dass unsere Impulse (gesteuert von unserem Primatengehirn) einfach unwiderstehlich agieren. Wir müssen uns bewusst entscheiden, dem nicht nachzugehen. Ähnlich verhält es sich hier.

Aus dieser Falle kommen wir nur raus, indem wir uns

1. dessen bewusst werden, dass wir ein verfälschtes Bild erhalten (Stichwort Supermarktkasse)
2. auf das Schöne an uns und unserem Leben besinnen

Seit ich erschreckt festgestellt habe, wie gemein und abwertend ich im Alltag so zu mir bin, sage ich mir jedes Mal einen liebevollen Satz, der den ersten ausgleicht.

Ein Beispiel:
Abwertend: “Die Person XY hat so viel geschaffen und ich bin dagegen so faul.”

Aufbauend: “Ich gebe mein Bestes und ich habe so viel Tolles geschaffen. Von der Person XY bekomme ich jetzt nur einen Teil ihres Lebens mit. Ich kenne ihre Probleme nicht.”

Zusammenfassend ist mein Projekt also ein echtes Abenteuer. Ich habe Prüfungen zu bestehen, muss Versuchungen widerstehen und immer wieder auf unbekanntem Terrain navigieren. Das gleicht schon fast einer griechischen Tragödie.

Und schon meldet sich der Humor – ein weiteres sehr sehr wichtiges Wunderwerkzeug!

Es ist unterm Strich auch nur eine App. Ich kann sie auch wieder löschen.
Ja, ich werde Fehler machen. Aber auch schöne und berührenden, lustige und aufregende Erfahrungen machen. Und das macht doch das Leben aus.

Also. Bist du dabei?